Als Expertin ungeeignet

Anmerkungen zu einem Vortrag von Naida Pintul (1)

2019-10-25, Haus9, Als Expertin ungeeignet, Anmerkungen zu Naida Pintul, Zur Kritik der Prostitution, Theorie und Praxis vom 2018-03-21

1. „keine krassen Zitate“

Frau Pintul bewertet das von Ihr verwandte Zitat (1, siehe Anhang und Link) aus einem Freierforum als nicht krass. Es dient ihr trotzdem zur Abwertung von Sexarbeit als ein per se frauenverachtendes Feld. Der Kontext, in dem dieses Zitat vom Autoren verfasst wurde, ist Frau Pintul nicht bekannt.

Eine der Kontext-Möglichkeiten ist, dass sowohl Sexarbeitende als auch Kunde das beschriebene Setting einvernehmlich gewählt haben. Die Beschreibung spricht dafür, dass die Sexarbeitende aktiv die Herstellung dieses Settings gewählt hat. Jedenfalls wird aus der Beschreibung der Situation durch den Kunden nicht deutlich, dass er das Aktivitätsniveau selber forciert und herbeigeführt hat (»Kaum Zeit für warm machen.«, »irgendwie nicht mehr richtig geil danach. Smalltalk. Madame hat ihn schon wieder im Hals,«).

Die kontextfreie mit der Abwertung des Feldes SW verbundene Nutzung des Zitates im Rahmen eines von einer sich als Expertin vorstellenden Referentin ist nach den Prinzipien der Wissenschaftsethik (2) unzulässig. Sie ist, da kontextlos und nicht kenntlich gemachte Interpretation, manipulativ. Sie enthält zudem im Kontext des Vortrags eine wissenschaftlich nicht zulässige Diskreditierung der Protagonist*innen des Zitats und des Feldes in dem sie tätig sind.

2. Betroffenheitsdiskurs

Die Aussagen von Frau Pintul zum Thema Betroffenheitsdiskurs sind inkonsistent. Der Vortrag von einer Person, die sich als Expertin für ein Feld vorstellt, verliert aufgrund dieser Inkonsistenz seine Glaubwürdigkeit. Inkonsistent (in sich widersprüchlich und daher ohne Erklärungsgehalt) wird der Beitrag durch

  • einerseits die Kritik an der Tatsache, dass eher deutschsprachige SW mit höherer Bildung als Betroffene für SW sprechen (»meistens Frauen, die hier geboren sind, hier aufgewachsen sind, die einen tendenziell höheren Bildungsgrad haben«) und sie insofern nicht für die Breite aller SW zu sprechen in der Lage sind sowie
  • andererseits die Kritik, dass die Kenntnis der übergeordneten Situation (»daß er eben nur weil man von einer Situation betroffen ist, nicht automatisch zu einem Experten wird, für eben die übergeordneten Verhältnisse dieser Situation.«) dazu befähigt über eben diese Situation zu sprechen.

Anzunehmen ist, dass insbesondere Sexarbeitende mit Deutsch als Muttersprache und einem höheren Schulabschluss dazu in der Lage sind »übergeordnete Verhältnisse“ zu (er)kennen und daher berechtigt sind für die Sexarbeitende als Gruppe zu sprechen. Diese Annahme erlaubt keine Kritik an der Tatsache, dass eben solche Sexarbeitenden für Sexarbeit sprechen.

3. Beschränkter Horizont gewollter oder begehrter Sexualpraktiken

Die Wahl des o.g. von Frau Pintul als nicht krass bewerteten Zitats im Zusammenhang der Diskreditierung der darin vorgestellten Protagonist*innen und des Feldes über das das Zitat berichtet, verdeutlicht den  eingeschränkten Akzeptanz-Horizont auf das, was Menschen im sexuellen Kontakt wollen oder begehren.

Die Wahl, die Frau Pintul traf, offenbart ihr zensorisch ausgeprägtes Sittlichkeitsbild. Sie ist inquisitorisch gegenüber anderen Horizonten sexueller Sittlichkeit. Ein Vortrag, der auf der Grundlage eines zensorischen Sittlichkeitbildes erfolgt, ohne diesen als Kontext zu benennen und zu begründen, enthält keine Expertise der »übergeordneten Verhältnisse« der Situation eines Feldes. Er ist wertlos was seinen Erkenntnisinhalt angeht und ist insofern manipulativ, propagandistisch und demagogisch.

Die Erfüllung dieser Kriterien legen, im Zusammenhang mit der erfolgenden Diskreditierung von Personen und aller zu einem gesellschaftlichen Feld gehörenden Aktiven nahe, dass Frau Pintul in ihrem Vortrag Strukturmerkmale faschistischer Politikentwürfe berührt.

4. Beschränkte Analyse – Ausgrenzung von SW aus der Teilhabe

Frau Pintul beschreibt Sachverhalte, die auch nach meinem Wissen von nicht kleiner Bedeutung für das Feld der Sexarbeit und Sexarbeitende sind. Sie trägt vor:

»Das sind oft Frauen, … ehmm deren Vertrauen auch nicht so einfach zu gewinnen ist, die oft auch nicht erkannt werden möchten«

und macht u.a. diese Sachverhalte für die Tatsache verantwortlich, dass diese Sexarbeitenden sich nicht in öffentliche Diskussionen einbringen.

Sofern die genannten Sachverhalte von nicht kleiner Bedeutung sind, sofern gewünscht wird, dass alle Sexarbeitende ihre Stimme in eine öffentliche Diskussion einbringen können, sofern gewollt ist das Teilhabe von SW-Aktiven am öffentlichen Diskurs einen größeren Umfang annimmt, wären die sozialwissenschaftlich notwendigen und auf adäquate Unterstützung Sexarbeitender zielenden Fragen, was zur Teilhabe beitragen könnte und welche Faktoren dem entgegenstehen. Insbesondere sofern der Vortrag von Personen gehalten wird, die vorgeben Interessen von Sexarbeitenden beratend und öffentlich zu vertreten, sowie vorgeben über Expertise zu verfügen.

Frau Pintul unterlässt dies. Sie trägt damit zur Ausgrenzung Sexarbeitender aus dem öffentlichen Diskurs bei. Die Frage der Teilhabemöglichkeit von SW am öffentlichen Diskurs liegt jenseits ihres Horizontes. Ebenso liegen (Er-)Kenntnisse zu der Verursachung des Wunsches von Sexarbeitenden »nicht erkannt zu werden« jenseits Ihrer Überlegungen. Obwohl sie für sich als Expertin vorgibt die »übergeordneten Verhältnisse« zu kennen.

In der Gesetzgebung zum Neuen Sexarbeits Recht wird als übergeordnete Ursache für diese Zurückhaltung die Tatsache angeführt, daß

»Personen, die sich in diesem Bereich betätigen, auch weiterhin in ihrem Alltagsleben zahlreichen diskriminierenden Erfahrungen ausgesetzt sind, so dass [es] ein besonderes schützenswertes Interesse der Betroffenen [ist], die Offenbarung ihrer Tätigkeit selbst steuern zu können.« (3, S. 98)

Frau Pintul tritt in ihrem Vortrag als Expertin im Feld der Sexarbeit auf. Der Zusammenhang zwischen

  • der erheblicher Diskreditierung der Aktiven in der Sexarbeit (den die derzeitigen Gesetzgebung zur Sexarbeit bestätigt) und
  • dem Fehlen der Stimmen von Sexarbeitenden im öffentlichen Diskurs,

kommt jedoch in Ihrem Vortrag zur Theorie und Praxis der Prostitution nicht vor.

Im Gegenteil, sie beteiligt sich – sich selbst als Expertin und parteilich für Sexarbeitende tätige Beraterin etikettierend  – an der Verfestigung der Diskreditierung und Stigmatisierung der im Feld der Sexarbeit Aktiven.

5. Fazit

Der Vortrag von Frau Pintul ist

– manipulativ
– unethisch
– logisch inkonsitent
– zensorisch im Interesse eines persönlichen Sittenkanons
– inquisitorisch gegenüber anderen Vorstellungen zu sexueller Sittlichkeit
– persönlich diskreditierend
– stigmatisiernd für in der Sexarbeit Aktive
– argumentativ angelehnt an Strukturmerkmale faschistischer Politikentwürfe
– Ausgrenzung Sexarbeitender aus dem öffentlichen Diskurs
– nicht erkenntnisfördernd

____________________

Quellen

(1) Audiomitschnitt, Vortrag Naida Pintul, Zur Kritik der Prostitution, Theorie und Praxis – Transkript eines Ausschnittes

Zeit: Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=zzifCs7vFPE aktuell am 25.12.2019 um 14:17 Uhr abgerufen
29:57 – 30:05 Ich muss dazu auch tatsächlich sagen, daß ich ganz krasse Zitate wirklich nicht genommen habe.
30:23 – 31:01 Und zum Schluss noch: »Eigentlich mache ich nicht mehr viel im Escort Bereich, aber mir war nach einem Dirty-Date ohne viel drumrum. Also doch mal wieder normaler Escort. Veronica . . . Ein Orkan. Kaum Zeit für warm machen. Ständig ein paar Finger in der Votze. Ständig mein Schwanz in ihrem Hals, meine Eier in ihrem Mund und ihre Zunge in meinem Arsch. Viel zu früh ein erstes Mal gespritzt und irgendwie nicht mehr richtig geil danach. Smalltalk. Madame hat ihn schon wieder im Hals, Er steht doch noch Mal. Diesmal Arschfick in verschiedenen Stellungen. Kein Gezicke, einfach rein.« Genau. Also das sind jetzt ich würde sagen ehmm so Beiträge, die so relativ durchschnittlich auf der Schockskala sind.
32:11 – 33:04 Was spricht gegen solche Betroffenenheitsnarrative? Es spricht in erster Linie dagegen, daß die Frauen, die im Rahmen einer solchen Betroffenenheitsnarrative überhaupt die Möglichkeit erhalten, sich zu äußern, in aller Regel wirklich die Frauen sind, die deutlich besser gestellt sind als die Durchschnittsfrau in der Prostitution. ehmm Das sind dann meistens Frauen, die hier geboren sind, hier aufgewachsen sind, die einen tendentiel höheren Bildungsgrad haben, die auch sehr oft Bordelle nicht von innen gesehen haben. Marginalisierte Frauen sind in dem Sinne oft schwerer zum Reden zu bringen. Das sind oft Frauen, die eben abseits von dem was sie tun wirklich garnicht mehr darüber reden möchten, ehmm deren Vertrauen auch nicht so einfach zu gewinnen ist, die oft auch nicht erkannt werden möchten, die nicht auf Veranstaltungen können, ehmm die für ihre Familie arbeiten gehen und die in dem Sinne in öffentlichen Diskussionen keine Stimme haben.
33:45 – 33:59 … die aus Eritrea sollten abgeschoben werden. ehmm  Das soll einfach verdeutlichen, daß er eben nur weil man von einer Situation betroffen ist, nicht automatisch zu einem Experten wird für eben die übergeordneten Verhältnisse dieser Situation.

(2) DFG – Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis – Kodex https://www.dfg.de/download/pdf/foerderung/rechtliche_rahmenbedingungen/gute_wissenschaftliche_praxis/kodex_gwp.pdf – Inbesondere ab S. 9

(3) Entwurf eines Gesetzes zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen und Begründung des Gesetzentwurfes
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/085/1808556.pdf

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