Schäflein ins Trockene bringen

Eine verpasste Chance
Zur Tagung Zukunft Rotlicht (1)

Die Rotlicht Akademie als Veranstaltende ist mir – ich denke seit sie sich bewirbt – bekannt. Bisher hatte ich ihren Angeboten keine Aufmerksamkeit gegeben. Der Rotlicht Titel mit dem ein Milieu assoziiert wird, das als kriminell gilt (2), widersprach mir. Dessen Nutzung, ohne die daran gebundenen Entwertungen kritisch zu thematisieren, hielt mich davon ab.

Es sind harte Zeiten für alle im Feld der erotischen und sexuellen Dienste Aktiven. Seien es Gäste, Sexarbeitende, Betreibende, Dienstleistende für Sexarbeitende (Werbeplattformen, Erotikversand etc.), Frauen, Transidente, Männer …

Das Neue Sexarbeitsrecht (NSR), das im Titel behauptet es würde Sexarbeitende unter Schutz stellen, führt erstmals seit dem deutschen Faschismus dazu, das alle Sexarbeitenden sich einer Registrierung zu unterziehen haben. Eine amtliche Bloßstellung, die mit der Gefahr Ihrer öffentlichen Wiederholung verbunden ist. Die Sicherheit der Daten von Sexarbeitenden ist nicht gewährleistet. Das Gesetz schützt Sexarbeitende nicht davor, dass sie Ihre persönlichen Daten jedem Dritten, mit dem sie in eine Geschäftsbeziehung treten, zwecks Ausstellung steuerlich gültiger Belege (3) zu offenbaren haben.

Sexarbeitenden wird unterstellt, sie trägen zur Brutalisierung der Sexualität bei. Gästen der Sexarbeit wird unterstellt ein System der Unterdrückung zu etablieren und zu verbreitern. Betreibenden von Sexarbeitsstätten, -veranstaltungen und Escortservices wird unterstellt ausbeuterische Verhältnisse zu organisieren (4). Entwürdigende, vorverurteilende, sachgrundlose Beschimpfungen dieser Art bestimmen immer wieder den öffentlichen Umgang mit den Aktiven des Feldes der erotischen und sexuellen Dienste.

Organisierte Arbeitsmöglichkeiten für Sexarbeitende werden erlaubnispflichtig. Nicht alle Betreibenden werden das Erlaubnisverfahren durchlaufen wollen. Nicht alle, die es durchlaufen, werden eine Erlaubnis erhalten. Dem Feld der erotischen und sexuellen Dienste wird die Luft genommen.

Naheliegend, so dachte ich, wäre es für die Tagungsteilnehmenden gewesen, sich gegen die öffentliche Abwertung, gegen die gesetzlich in Vollzug befindliche Strangulierung des Feldes der erotischen und sexuellen Dienste in Position zu bringen. Das hoffend, reiste ich an. Versuche die Diskussion in eine solche Richtung zu lenken wurden unternommen. Sowohl von Vertretenden des BesD e.V. als auch von Dona Carmen e.V.

Die Moderation und Podiumsteilnehmende stellten sich am Ende der Tagung nachdrücklich gegen eine Diskussion zur politischen Positionsfindung pro Sexarbeit – kontra Gesetz und öffentliche Beschimpfung.

Im Laufe der Tagung gab es sehr selten und sehr verhalten Applaus. Bei wohl mehr als 200 Teilnehmenden. Dieser brandete auf, als das Podium dem Anliegen Position zu beziehen, das Wort entzog.

Mein Eindruck: Viele der Versammelten erhofften sich Auskunft zur Frage, wie die eigenen Schäflein ins Trockene zu bringen seien. Die Möglichkeit zur Solidarisierung zogen sie nicht in Betracht. Sie vergaßen, dass der Weg der Amtsbehandlung zwar trockenen Fußes zurückgelegt werden kann, an dessen Ende aber die Abwicklung des eigenen Geschäftes in der selbstgewählten Vereinzelung stehen kann. (5)

 

Quellen und Anmerkungen

(1)
Veranstaltet von:
https://www.rotlicht-akademie.de/start.html
url: https://zukunft-rotlicht.de/ und url: https://zustellanschrift.de/

(2)
https://de.wikipedia.org/wiki/Rotlichtmilieu
»Mit dem Begriff „Rotlichtmilieu“ wird meist auch kriminelles Verhalten assoziiert (z. B. Drogenhandel, Menschenhandel, Erpressung). Der Kampf um Vorherrschaften steht im Wettbewerb zwischen einheimischen Gruppen, ethnischen Gruppen und Rockergruppen wie den Hells Angels. In Deutschland wird von organisierter Kriminalität gesprochen.[1]«

(3)
Umsatzsteuergesetz (UStG)
§ 14, Abs, 4, S. 36
https://www.gesetze-im-internet.de/ustg_1980/UStG.pdf

ausführlich in

Haus9
Stellungnahme *
Mangelhafter Datenschutz im Neuen-SW**-Recht
Keine Schutzwirkung der Alias-Bescheinigung
Mangelhafte Löschungsfristen
https://haus9bremen.files.wordpress.com/2019/06/2019-06-05-haus9-stellungnahme-ungenuegende-regelung-zum-datenschutz-im-neuen-sexarbeits-recht.pdf und
https://haus9bremen.blog/

(4)
Emma
Appell gegen Prostitution
»Das System Prostitution ist Ausbeutung und zugleich Fortschreibung der traditionell gewachsenen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen (und Ländern/Kontinenten). Das System Prostitution degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht und überschattet die Gleichheit der Geschlechter. Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschen-würde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.«

(5)
Meine Assoziation:
Als die Behörden den Straßenstrich schlossen, habe ich geschwiegen; ich stand ja dort nicht. Als sie die Privatwohnungen zusperrten, habe ich geschwiegen; ich arbeitete dort ja nicht. Als sie die Werbung beschränkten, habe ich geschwiegen, ich betrieb ja keine. Als sie mich abwickelten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Original:
Martin Niemöller
»Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.«
https://de.wikiquote.org/wiki/Martin_Niem%C3%B6ller

 

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