Kontaktabstinenz

Die Berichterstattung des Weser-Kurier zur Sexarbeit seit 2010 *

Autor: Klaus Fricke, Kardamyli am 04.12.2019 (PDF)

Die Berichterstattung des Weser-Kurier zu Ereignissen ** in der SW (Suchbegriff Prostitution) im Zeitraum vom 01.01.2010 bis zum 31.08.2015 umfasst wenigstens 114 Artikel. Das geht aus einer Sichtung des Online Archives des WK für diese Zeit hervor.

Tabelle 1

Kategorie Anzahl

Gesamt

114
negative Aussage zur Sexarbeit und zu den in der Sexarbeit Aktiven 30
negative Aussagen zu sozialen, gesundheitlichen oder ökonomischen Problemen, die Sexarbeitende haben bzw. die ihnen zugeschrieben werden 12
Aussagen zu Protesten gegen Sexarbeitsorte   3
Aussagen zu politischen bzw. behördlichen Maßnahme gegen Sexarbeit 54
eher neutrale Aussagen zur Sexarbeit   8
eher positive Aussagen zur Sexarbeit ..7
Artikel auf der Grundlage von Gesprächen mit Aktiven aus der Sexarbeit oder Artikel die eine nicht kleine Zahl von Originalaussagen dieser Aktiven enthalten ..4
Die Zahlenfarbe markiert in den Quellen deren Zuordnung zur Kategorie

Quellen (A)

Im Zeitraum ab dem 01.09.2015 habe ich, soweit mir bekannt, alle in Bremen bedeutsamen Ereignisse im Zusammenhang mit der Sexarbeit, über die in der Online Ausgabe des WK berichtet wurde, kommentiert (38 Artikel). Für diese Zeit habe ich das Online-Archiv des WK nicht als Quelle genutzt.

Aktive in der Sexarbeit kommen in diesen Artikeln nicht als primäre Ansprechpartner_Innen zu Wort. Selbst vermittelt über Dritte kommen sie nur in einem Fall zu Wort (B 8). Demgegenüber kommen die Aktionen und Anliegen der Gegnerschaft von Sexarbeit bzw. diese selbst (zumindest vermittelt) regelmäßig und insgesamt in 16 Artikeln (B 1, B 2, B 3, B 5, B 7, B 11, B 13, B 14, B 16, B 18, B 19, B 31, B 34, B 35, B 36, B 38) zu Wort.

Tabelle 2

Kategorie Anzahl ***

Gesamt

38
negative Aussage zur Sexarbeit und zu den in der Sexarbeit Aktiven ..3
negative Aussagen zu sozialen, gesundheitlichen oder ökonomischen Problemen, die Sexarbeitende haben bzw. die ihnen zugeschrieben werden ..1
Aussagen zu Protesten gegen Sexarbeitsorte 16
Aussagen zu politischen bzw. behördlichen Maßnahme gegen Sexarbeit 12
eher neutrale Aussagen zur Sexarbeit   5
eher positive Aussagen zur Sexarbeit ..1
Artikel auf der Grundlage von Gesprächen mit Aktiven aus der Sexarbeit oder Artikel die eine nicht kleine Zahl von Originalaussagen dieser Aktiven enthalten ..1
Die Zahlenfarbe markiert in den Quellen deren Zuordnung zur Kategorie

Quellen (B)

In zehn Jahren Berichterstattung zur Sexarbeit hat der Weser-Kurier wenigstens 152 Artikel zum Thema Sexarbeit veröffentlicht (100 %). Lediglich in 5 Fällen ( 3,3 %) wurde eine direkte Recherche unter unmittelbarer Einbeziehung von Aussagen durchgeführt, die von zum Zeitpunkt der Anfertigung der Artikel im Feld der Sexarbeit Aktiven stammten. Dem stehen 131 Berichte (86,2 %) mit Aussagen und Anliegen von Menschen, Parteien, Behörden, Polizei, Gerichten etc. gegenüber, die Sexarbeit ablehnen.

Ein Verhältnis von 1 : 26 zu Ungunsten der Sexarbeit. In Anbetracht von mutmaßlich 200.000 Sexarbeitenden und einer Kundschaft die etliche Millionen in Deutschland lebende Menschen (siehe auch Quelle [A22] ) umfasst – jedenfalls sofern bisherige Schätzungen zu der Größe dieser Personengruppen glaubwürdig sind – überrascht dieser, wie ich es bezeichnen möchte, tabuisierende Umgang des WK mit dem Thema.

13 (8,6 %) der insgesamt 152 Artikel können als eher neutral in ihrer Haltung zur SW gewertet werden.
8 (5,3 %) konnten in ihrer Grundhaltung als eher positiv gegenüber der SW gewertet werden.
131 (86,2 %) gaben eher ablehnende oder restriktive Grundhaltungen gegenüber der SW wieder.

Die Tatsache, dass der WK seine Recherche unter nur marginaler Einbeziehung von Aussagen vollzieht, die von Sexarbeitenden und ihren jeweils aktuellen politischen Vertreter*innen stammen, könnte die Ursache für die weit überwiegend ablehnende Darstellung der Sexarbeit durch den Weser-Kurier sein.

Kontaktabstinenz und Vorverurteilung sind Geschwister im Geiste. Um seinen Anspruch gerecht zu werden Qualitätsjournalismus zu sein, sollte der WK – wie andere Redaktionen – Interviews und Ähnlichem Raum geben, in denen aktuell Aktive aus dem Feld der Sexarbeit und deren Alliierte zu Wort kommen.

Ein gelungenes Beispiel:
“Wenn es um Sex geht, wird für viele schnell alles schwierig“ Ein Gespräch mit Mareen Heying und Ursula Probst. Über kleinbürgerliche Moral, HIV und den Unterschied von Prostitution und Sexarbeit
junge Welt vom 30.11.2019
https://www.jungewelt.de/artikel/367879.prostitutionsdebatte-wenn-es-um-sex-geht-wird-f%C3%BCr-viele-schnell-alles-schwierig (aktuell abgerufen)

 

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*, ** und *** Anmerkungen

Quellen (A)

Quellen (B)

 

 

 

 

Autor: haus9bremen

SIB-SWinfoBremen@gmx.de