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Kommentar zum Artikel
Als „asozial“ gebrandmarkt
im Weser Kurier vom 14.02.2020

(PDF)

Autor: Klaus Fricke

Mit e-mail an: lesermeinung@weser-kurier.de

Sehr geehrte Damen und Herren,

bevor ich den folgenden Text verfasste, beschäftigte mich die Frage, ob es überhaupt angemessen ist, dass ich diesen, mich auf das Beispiel von Frau Ukrow beziehend, kommentiere. Da der Text in den Zusammenhang der Entscheidung des deutschen Bundestages vom 13.02.2020 zur Anerkennung der während des Nationalsozialismus als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ verfolgten Menschen als Opfergruppe und die Erinnerung an sie unter der Maßgabe „Nie Wieder“ gestellt wird, denke ich, das meine Überlegungen, und die dazu gehörenden Quellen auch für die Lesenden des Weser-Kurier von Interesse sind.

Es gibt Kontinuitäten (wie z.B. die Einordnung von Sexarbeitenden als „Berufsverbrecher“ (A) zeigte, die erst mit Geltung des Prostituiertengesetzes ab Anfang 2002 partiell ihre handlungsleitende Macht verloren), die weiter wirksam sind und der Aufarbeitung harren.

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Quellen

(A)
»Die Einstufung der Prostitution als gemeinschaftsschädlich wurde durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts 1965 bestätigt, in der die Prostitution mit der Betätigung als Berufsverbrecher gleichgestellt wurde (BVerwGE 22, S. 286, 289).[11]«
https://de.wikipedia.org/wiki/Prostitution_in_Deutschland#20._Jahrhundert


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Die zur Staatsräson werdende, herabwertende pauschale und unwidersprochene Kennzeichnung von Menschen aufgrund zugeschriebener oder tatsächlicher sozialer, physiologischer, historischer oder sonstiger Merkmale und – davon ausgelöst – ihre zu ihrem Nachteil ausfallende rechtliche, staatliche und soziale Ungleichbehandlung, traf im deutschen Faschismus wie das Beispiel Emma Ukrow zeigt, auch Frauen. Jedenfalls solche, die nicht dem Ideal sittlicher Mütterlichkeit („Ehre der deutschen Mutter“) entsprachen, das insbesondere von den ‚bürgerlichen’ deutschen Frauenvereinen der ersten Frauenbewegung verfolgt wurde. (1)

Eine der prominentesten Vertreterinnen der ‚bürgerlichen’ ersten Frauenbewegung, war Anna Pappritz. (2) Pappritz befürwortete »die Einweisung … „gefährdeter“ minderjähriger Mädchen in geschlossene Erziehungsanstalten«. Im Rahmen der Machtergreifung durch Hitler schrieb sie, sich auf Hitlers Aussage: » „Wer der Prostitution zu Leibe gehen will, muss in erster Linie die geistige Voraussetzung zu derselben beseitigen helfen. Er muss mit dem Unrat unserer sittlichen Verpestung der großstädtischen ‚Kultur‘« beziehend: »„Wir begrüßen es mit großer Genugtuung, dass der Reichskanzler in diesen Worten dieselben Ansichten äußert,  für die der deutsche Zweig der Internationalen Abolitionistischen Föderation von jeher eingetreten ist … Möchten doch diese Worte des Reichskanzlers ein lebhaftes Echo in den Herzen aller Eltern und Erzieher und in den Herzen der Jugend selbst erwecken und sie anspornen danach zu handeln.“« (3)

Wegbereiterinnen des Zivilisationsbruchs, den auch Frau Ukrow zu erleiden hatte, waren damit einflußreiche Frauen des ersten ‚bürgerlichen’ deutschen Feminismus. Insbesondere an Pappritz schließen auch heute Teile des deutschen Feminismus, ohne diese geschichtliche Verbindung aufzuarbeiten, mit einem Sittlichkeitsverständnis an, das zwischen sozial zulässiger und sozial unzulässiger Entfaltung weiblicher Sexualität unterscheidet.

Formen der einvernehmlichen Sexualität zwischen Erwachsenen werden dabei, ohne den Betroffenen das Recht auf Gegenrede zu geben, unter das Verdikt der „Brutalisierung des Begehrens“ (4) gestellt. Das „volksschädliche“, dass der deutsche Faschismus zur Begründung seiner Verbrechen an Frau Ukrow in Begriffe wie „asozial“ und „moralisch schwachsinnig“ (5) fasste, findet in der Bewertung „Brutalisierung des Begehrens“, so denke ich, eine modische Verwandlung.

Im Kern ging es der bürgerlichen Vertreterinnen der ersten deutschen Frauenbewegung und geht es ihren heutigen Nachfolgerinnen um die Entwertung sexuell freizügiger Frauen, um die Grenzsetzungen `ehrbare Frau´ und `Schlampe´, `Heilige´ und `Hure´, die im Gewand der „Ehre der deutschen Mutter“ (1) für den deutschen Faschismus anschlussfähig waren und so als Koordinate zulässigen weiblichen Verhaltens wirkmächtig bleiben.

Exerziert wurde und wird das. Aktuell auch über die Entwertung sexueller und erotischer Dienstleistungen – die Lust von Liebe trennen –

  • durch das Verdikt der „Brutalisierung des Begehrens“,
  • durch die Entmündigung von Sexarbeitenden mittels der ihnen zugeschriebenen Opfer-Erzählung (siehe Tatort „Die Goldene Zeit“, ARD vom 9.2.20 und „Racheengel“, ARD vom 13.2.20),
  • durch die Kontaktabstinenz gegenüber Sexarbeitenden und ihr zum Schweigen bringen (Silencing). (6) (7)
  • durch die Regulierung des Feldes der erotischen und sexuellen Dienste unter grundrechtenteignendes (8) Sonderrecht (9)

Die Mechanismen der Beschämung, Entwertung und Unterwerfung, die das erschütternde aber nicht singuläre Beispiel (10) von Emma Ukrow erhellt, sind weiter wirksam.


Quellen und Anmerkungen

(1) Astrid Hanisch
„Die Ehre der deutschen Mutter.“ Antisemitische Bezüge im Sittlichkeitsdiskurs der konservativen Frauenbewegung im Deutschen Reich 1894-1914

Klicke, um auf 2012-01-16_0309413.pdf zuzugreifen

(2)
Anna Pappritz
https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Pappritz#Anna_Pappritz_in_der_Zeit_des_Nationalsozialismus

(3)
Dona Carmen,
Abolitionistische Rosstäuscherei und Dummenfang
Frankfurt a.M. 01.04.2019
https://www.donacarmen.de/abolitionistische-rosstaeuscherei-und-dummenfang/#

(4)
Emma
02.11.2013
Appell gegen Prostitution

»Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschen-würde
von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.«

https://www.emma.de/unterzeichnen-der-appell-gegen-prostitution-311923

(5)
Almuth Waldenberger
… wie andere auch!
Geschichte und Debatten der Hurenbewegung
in Deutschland und Österreich von den 1970er Jahren bis 2011
Wien 2012

Klicke, um auf 2012-05-11_0305907.pdf zuzugreifen


S. 19

(6)
Klaus Fricke
Kontaktabstinenz – Die Berichterstattung des Weser-Kurier zur Sexarbeit seit 2010
vom 04.12.2019

Klicke, um auf 2019-12-04-haus9-kontaktabstinez-berichterstattung-des-wk-zur-sexarbeit-seit-2010.pdf zuzugreifen

Das Dokument enthält einen Kommentare zum Weser-Kurier Artikel „Das Miliardengeschäft mit der Prostitution“ vom 30.11.2019. Die Kommentare wurden wegen des Umfanges der Quellen, die sie enthielten nicht von der Online Redaktion des Weser-Kurier veröffentlicht. Die Online Redaktion bat mich dafür um Verständnis.

(7)
Kl.Fricke am 01.12.2019, 21:00 in Weser-Kurier online
___U_n_z_u_l_ä_s_s_i_g_e_s___S_p_i_e_l___
https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-milliardengeschaeft-mit-der-prostitution-_arid,1879509.html

(8)
Verfassungsbeschwerde gegen das Neue Sexarbeits Recht (= NSR) ( siehe Quellen u. Anmerkungen (9) )

Klicke, um auf VERFASSUNGSBESCHWERDE-ProtSchG-2017.pdf zuzugreifen

(9)
Für das Feld der erotischen und sexuellen Dienste verwende ich die Begriffe Sexwork bzw. Sexarbeit (= SW). Der Begriff Prostitution ist historisch mit der Diskreditierung der im Feld Aktiven verbunden. Ich lehne seine Benutzung durch Dritte, jedoch nicht (als Eigenbezeichnung ) durch Sexarbeitende ab. Entsprechend bezeichne ich die neuen rechtlichen Regelungen zur Sexarbeit (schönfärbend und zugleich diskriminierend: „Prostituiertenschutzgesetz“ siehe: http://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl&jumpTo=bgbl116s2372.pdf) mit dem neutralen Begriff Neues Sexarbeits Recht (= NSR)

(10)

a)
Stefan Loubichi
Militärprostitution im Dritten Reich – http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/militaerprostitution-im-dritten-reich/

b)
Robert Sommer
Maskulinität und sexuelle Ausbeutung. Bordellgänger in Konzentrationslagern, in: Elke Frietsch/Christina Herkommer (Hg.): Nationalsozialismus und Geschlecht. Zur Politisierung und Ästhetisierung von Körper, „Rasse“ und Sexualität im „Dritten Reich“ und nach 1945. Bielefeld 2008, S. 156–179. Aufsatz als PDF auf
ACADEMIA
http://www.academia.edu/22416571/Maskulinit%C3%A4t_und_sexuelle_Ausbeutung_Bordellg%C3%A4nger_in_Konzentrationslagern

c)
Robert Sommer
Zur Verfolgungsgeschichte „asozialer“ Frauen aus Lagerbordellen, in: Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Ausgegrenzt. „Asoziale“ und „Kriminelle“ im nationalsozialistischen Lagersystem. Beiträge Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland (Nr. 11). Bremen 2009, S. 111–127. Aufsatz als PDF

d)
Hauke Frerichs
Zwangsprostitution im KZ: Himmler als Zuhälter
https://www.zeit.de/online/2009/27/lagerbordelle

e)
Insa Eschebach
Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern. Geschichte, Deutungen und Repräsentationen
Online erschienen: 04.01.2013 | DOI:
https://doi.org/10.7767/lhomme.2010.21.1.65

f)
Wolfgang Ayaß
Umgang mit Prostitution im Nationalsozialismus
Audio
https://cba.fro.at/339385


Weitere Quellen:

Kl.Fricke am 26.07.2019, 18:22
in Weser-Kurier online
___H_i_s_t_o_r_i_s_c_h_e___B_e_z_ü_g_e___
https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-widerstand-gegen-bordell-an-der-duckwitzstrasse-_arid,1847600.html#comments

Klaus Fricke am 08.09.2019, 14:54
in Weser-Kurier online
___V_e_r_g_l_e_i_c_h_e___u_n_d___G_e_d_e_n_k_e_n___
https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-kundgebung-gegen-grossbordell-an-der-duckwitzstrasse-_arid,1858532.html#comments

 

Autor: haus9bremen

Kl.Fricke@gmx.de